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"Freiheit von Angst"

von Aung San Suu Kyi

Glasklar und kühl mögen wir sein
wie Wasser in gewölbter Hand,
ach, wären wir doch wie Glassplitter
in dieser Hand!

Nicht die Macht verdirbt, sondern die Angst. Die Angst vor Machtverlust verdirbt diejenigen, die sie innehaben, und die Angst vor der Geißel der Macht korrumpiert diejenigen, die von ihr beherrscht werden. Die meisten Burmesen sind mit den vier A-gati vertraut, den vier Arten der Verderbnis. Chanda-gati, die durch Begierde verursachte Korruption ist das Abweichen vom rechten Pfad, weil man nach Bestechungsgeldern trachtet oder Angst vor Liebesentzug hat. Dosa-gati ist ein Irrweg, um denen zu schaden, denen man übel will, und Moga-gati ist Verirrung durch Unwissenheit. Die vierte und vielleicht ärgste Untugend ist Bhaya-gati, denn Bhaya – Angst – zerstört nicht nur langsam jedes Gespür für Recht und Unrecht, es liegt auch häufig an der Wurzel der anderen drei Untugenden.

So wie Chanda-gati, sofern es nicht der Ausdruck reiner Habgier ist, durch Angst vor Bedürftigkeit oder vor dem Verlust des Wohlwollens geliebter Menschen ausgelöst werden kann, so kann die Angst davor, in irgendeiner Weise übertroffen, gedemütigt oder verletzt zu werden, den Anstoß für eine böswillige Gesinnung geben. Und es wäre schwierig, die Unwissenheit zu zerstreuen, falls nicht die Freiheit besteht, unbeeinflusst von Angst nach der Wahrheit zu suchen. Da Angst und Korruption so dicht nebeneinander liegen, verwundert es nicht, dass in einer Gesellschaft, die von Angst geprägt ist, die Korruption in all ihren Formen tief verwurzelt ist.

Öffentlicher Unmut über wirtschaftliche Härten wurde als Hauptgrund der Demokratiebewegung in Burma angesehen, die durch Studentendemonstrationen 1988 ins Leben gerufen wurde. Es trifft zu, dass viele Jahre zerfahrener Politiken, abwegiger offizieller Maßnahmen, wuchernder Inflation und eines sinkenden Realeinkommens das Land in eine Wirtschaftsruine verwandelt haben. Doch bedurfte es mehr als der Schwierigkeiten, einen halbwegs annehmbaren Lebensstandard zu wahren, dass einem traditionell gutmütigen, friedfertigen Volk die Geduld ausging – es war auch das erniedrigende tägliche Leben, das im Zeichen der Korruption und Angst stand. Die Studenten protestierten nicht nur gegen den Tod ihrer Kommilitonen, sondern auch dagegen, dass ein totalitäres Regime ihnen das Recht auf Leben verweigerte, ein Regime, das in der Gegenwart keinerlei Sinn erkennen ließ und keine Aussicht für die Zukunft bot. Weil die Studentenproteste ein Ausdruck des Missmutes großer Bevölkerungsschichten waren, wandelten die Demonstrationen sich rasch zu einer landesumfassenden Bewegung. Mit die eifrigsten Anhänger waren Geschäftsleute, die die erforderlichen Fertigkeiten erworben und Kontakte aufgebaut hatten, um nicht nur Überleben, sondern auch innerhalb dieses Systems zu Wohlstand gelangen zu können. Doch ihr Wohlstand gab ihnen kein echtes Gefühl der Sicherheit oder der Erfüllung und sie erkannten nur allzu deutlich, dass eine verantwortungsbewusste Regierung zumindest eine notwendige, wenn nicht ausreichende Bedingung wäre, falls sie und ihre Mitbürger ungeachtet ihrer Wirtschaftslage ein lebenswertes Dasein verwirklichen wollten. Das Volk von Burma war des labilen Zustands eines angstbefangenen Hinnehmens müde, war es leid, sich als "Wasser in den hohlen Händen" der waltenden Mächte zu fühlen.

Glasklar und kühl mögen wir sein
wie Wasser in gewölbter Hand,
ach, wären wir doch wie Glassplitter
in dieser Hand!

Glassplitter, die allerkleinsten mit ihrer scharfen, gleißenden Macht, die sich gegen Hände wehren, die sie zermalmen wollen, könnten als ein glänzendes Symbol des Mutes betrachtet werden, der ein wesentliches Merkmal derjenigen ist, die sich aus der Gewalt der Unterdrückung zu befreien trachten. Bogyoke Aung San sah sich, selbst als Revolutionär und strebte unermüdlich nach Antworten auf die Probleme, die Burma in schwerer Zeit plagten. Er mahnte das Volk, Mut zu zeigen: "Wartet nicht auf den Mut und die Unverzagtheit anderer! Ein jeder von Euch muss Opfer bringen, um zu einem Held voller Mut und Kühnheit zu werden. Erst dann können wir die wahre Freiheit genießen."

Die Anstrengungen, die vonnöten sind, um in einem Umfeld unverdorben zu bleiben, wo die Angst ein integrierender Bestandteil des täglichen Lebens ist, sind für die Glücklichen nicht ohne weiteres verständlich, die in einem Rechtsstaat leben können. Gerechte Gesetze verhindern nicht nur die Korruption, indem sie eine unparteiische Bestrafung der Gesetzesbrecher vorsehen. Sie tragen auch dazu bei, eine Gesellschaft zu schaffen, in der der Mensch die Grundvoraussetzungen besitzt, um seine Würde zu wahren, ohne sich auf korrupte Praktiken einlassen zu müssen. Wo diese Gesetze fehlen, hat das gewöhnliche Volk die Bürde der Aufrechterhaltung der Grundsätze der Gerechtigkeit und des allgemeinen Anstandes zu tragen. Die geballte Wirkung dieser stetigen Anstrengungen und Standhaftigkeit wird eine Nation, wo Vernunft und Gewissen durch Angst entstellt sind, in eine Nation umwandeln, wo Gesetzesvorschriften dem Menschen helfen, seinen Wunsch nach Eintracht und Gerechtigkeit zu verwirklichen, und seine unerfreulicheren destruktiven Charaktereigenschaften eindämmen.

In einer Zeit, wo gewaltige technologische Fortschritte tödliche Waffen entwickelt haben, die von den Mächtigen und den Gewissenlosen eingesetzt werden können und auch werden, um die Armen und Hilflosen zu beherrschen, besteht ein zwingender Bedarf nach einem zusammenrücken zwischen Politik und Ethik auf nationaler wie internationaler Ebene. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen verkündet, dass "jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft" sich bemühen sollten, die Grundrechte und Freiheiten zu fördern, auf die alle Menschen, ungeachtet ihrer Rasse, Staatsangehörigkeit oder Religion ein Anrecht haben. Doch solange es Regierungen gibt, deren Autorität sich auf Gewalt gründet, statt auf das Mandat des Volkes, und Interessengruppen, die kurzfristige Gewinne einem langfristigen Frieden und Wohlstand vorziehen, bringen abgestimmte internationale Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte bestenfalls Pyrrhussiege. Es wird weiterhin Kampfschauplätze geben, wo die Opfer der Unterdrückung aus ihren eigenen Ressourcen schöpfen müssen, um ihre unveräußerlichen Rechte als Mitglieder der Menschheit zu verteidigen.

Die wahre Revolution muss im Geiste stattfinden, aus der intellektuellen Überzeugung heraus, dass in den geistigen Einstellungen und Werten, die eine Nation gestalten, ein Wandel vonnöten ist. Eine Revolution, die lediglich die Änderung offizieller Politik und Institutionen bezweckt, um die materiellen Bedingungen zu verbessern, hat wenig echte Erfolgsaussichten. Fehlt die Revolution des Geistes, dann würden die Kräfte, die das unrecht der alten Ordnung zeugten, weiterhin wirksam sein, und den Prozess der Reform und Regenerierung ständig bedrohen. Es reicht nicht aus, nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechten zu rufen. Es bedarf einer einigen Entschlossenheit, um weiterzukämpfen, im Namen ewiger Wahrheiten Opfer zu bringen, den verderblichen Einflüssen der Habgier, des Hasses, der Unwissenheit und der Angst zu widerstehen.

Heilige, so heißt es doch, sind die Sünder, die immer wieder versuchen, der Sünde zu entrinnen. Entsprechend wären freie Menschen die Unterdrückten, die nie aufgeben und die dabei eine Reife erlangen, dass sie Verantwortungen übernehmen und die Disziplin aufrechterhalten können, die eine freie Gesellschaft tragen. Zu den von Menschen angestrebten Grundfreiheiten mit dem Ziel, sich in ihrem Leben voll und unverkrampft entfalten zu können, gehört die Freiheit von Angst sowohl als Weg wie als Ziel. Ein Volk, das eine Nation aufbauen will, in der starke demokratische Institutionen fest als Garant gegen staatlich verordnete Macht etabliert sind, muss erst lernen, Apathie und Angst aus seinem Sinn zu verbannen.

Aung San, der das was er predigte auch vorlebte, hat immer wieder Mut bewiesen – nicht nur physischen Mut, sondern auch Mut in dem Sinne, dass er die Wahrheit sagte, sein Wort hielt, aufgeschlossen für Kritik war, seine Unzulänglichkeiten eingestand, seine Fehler korrigierte, Andersdenkende respektierte, mit dem Feind verhandelte, und das Volk zum Richter über seine Fähigkeiten als Führer erhob. Wegen dieses moralischen Mutes wird er in Burma immer geliebt und geachtet werden - nicht nur als Kriegsheld, sondern als geistiger Vater und Gewissen der Nation. Die Worte, die Jawaharlal Nehru benutzte, um Mahatma Gandhi zu kennzeichnen, könnten auch für Aung San zutreffen: "Der Kern seiner Lehre waren Furchtlosigkeit und Wahrheit und entsprechende Handlungen, wobei er immer das Wohlergehen der Massen im Auge behielt."

Gandhi, der große Apostel der Gewaltlosigkeit, und Aung San, der Gründer einer nationalen Armee, waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, doch da sich die Opposition gegen autoritäre Herrschaft allenthalben und zu jeder zeit unweigerlich gleicht, sind auch die inneren Qualitäten derjenigen, die den Mut haben, sich dieser Herausforderung zu stellen, vergleichbar. Nehru, der es als die größte Leistung Gandhis betrachtete, dem Volk Indiens Mut zu geben, war ein politischer Modernist, doch in dem Maße, wie er über den Bedarf einer Unabhängigkeitsbewegung des 20. Jahrhunderts nachdachte, wurde er gewahr, dass er sich der Philosophie des Alten Indien zuwandte: "Die größte Gabe für einen einzelnen oder eine Nation war Abhaya - die Furchtlosigkeit, nicht nur körperlicher Mut, sondern die Angstfreiheit im Gemüte."

Furchtlosigkeit kann eine Gabe sein, doch wichtiger ist vielleicht der durch Beharrlichkeit erworbene Mut, ein Mut, der dadurch entsteht, dass man sich weigert, Angst die eigenen Handlungen diktieren zu lassen, ein Mut, der gekennzeichnet werden könnte als "Gnade unter Druck" – eine Gnade, die immer wieder angesichts eines harten, unerbittlichen Drucks neu entsteht.

In einem System, welches das Bestehen elementarer Menschenrechte verleugnet, pflegt Angst an der Tagesordnung zu sein. Angst vor Verhaftung, Angst vor Folter, Angst vor Tod, Angst vor dem Verlust von Freunden, Familie, Eigentum oder Lebensmöglichkeiten, Angst vor Armut, vor Isolierung, Angst vor Versagen. Die heimtückischste Form der Angst ist diejenige, die sich als gesunder Menschenverstand oder gar Weisheit ausgibt, und die kleinen täglichen mutigen Taten, die die Selbstachtung und die menschliche Würde des Menschen erhalten helfen, als töricht, leichtsinnig, unbedeutend oder nutzlos abtut. Es ist nicht leicht für ein Volk, das von der Angst nach dem ehernen Grundsatz beherrscht wird, dass, wer die Macht hat, das Recht besitzt, sich aus diesem entmutigenden Pesthauch der Angst zu befreien. Doch auch unter der erdrückendsten Staatsmaschinerie kommt der Mut immer wieder an die Oberfläche, da die Angst nicht der natürliche Zustand des zivilisierten Menschen ist.

Die Quelle des Mutes und der Standhaftigkeit angesichts =gezügelter macht ist im allgemeinen der feste Glaube an die Heiligkeit ethischer Grundsätze im Verein mit einem historischen Gespür, dass trotz aller Rückschläge der Mensch letztendlich geistigen und materiellen Fortschritt anstrebt. Diese seine Fähigkeit zur Selbstverbesserung und Selbsterlösung unterscheidet den Menschen vom bloßen Tier. An der Wurzel der menschlichen Verantwortung liegt der Begriff der Perfektion, der Drang, sie zu verwirklichen, die Intelligenz, den Weg dorthin zu finden, und der Wille, diesen Weg, wenn nicht zu Ende zu gehen, dann zumindest solange zu beschreiten, bis die eigenen Begrenzungen und die äußeren Behinderungen überwunden sind. Die Vision des Menschen einer Welt, die eine rational denkende, zivilisierte Menschheit beherbergt, veranlasst ihn, wagemutig zu sein und zu leiden, um von Elend und Angst befreite Gesellschaften zu schaffen. Begriffe wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Mitleid können nicht als banal abgetan werden, sind sie doch häufig das einzige Bollwerk gegen hemmungslose Macht.

Letzte inhaltliche Änderung: 20.12.2008 14:39 Uhr